Rumpelstilzchen

1. Dezember

Erzähler: Vor langer Zeit lebte ein armer Müller in grosser Abgeschiedenheit. Eines Tages kam ein noch ärmerer Bauer in Begleitung seiner Tochter und liess das Korn mahlen. Der Müller verliebte sich auf der Stelle in die wunderschöne Jungfer. Dienstbeflissen half er beim Abladen und Aufladen des schweren Sackes, wollte nichts für das Mahlen des Korns verlangen und lud Vater und Tochter obendrein zu einem einfach Mahl ein. "Du kannst sie haben", erklärte der Bauer, der die Blicke des jungen Mannes richtig zu deuten wusste, und nahm einen grossen Schluck Wein. "Mein Land wirft kaum noch etwas ab. Bei dir ist sie zumindest gut versorgt und ich bin eine Sorge los." Der Müller liess sich nicht lange bitten und heiratete die schöne Maid.

Die schöne Müllerin: Wir waren so arm. Man kann sich das heutzutage kaum noch vorstellen. Die Mutter war früh gestorben. Mein Vater war von Pech verfolgt. Die Milchkuh siechte dahin. Die Schafe waren mager und räudig. Ihre Wolle liess sich kaum spinnen, noch verkaufen. Dann versiegte die Quelle und im Garten verdorrte das Gemüse. Als ein bitterkalter, langer Winter alle unsere Vorräte aufgezehrt hatte, brachten wir das letzte Korn, das wir zur Aussaat beiseite gelegt hatten, zur Mühle. Brot, Käse und Wein tischte der Müller auf. Ich konnte mich vor Glück kaum fassen. Ja, wenn man genug hat, kann man nicht schätzen, was für einen Hungernden ein einziges Stück Brot bedeutet. Und es war ein Glück, dass der Müller sich um uns kümmerte. Fortan musste auch mein Vater nicht mehr darben. Jeden Sonntag besuchte er uns. Mein Mann, der Müller, schaute, was er ihm mitgeben konnte. Viel hatte er selber nicht. Die Bauern zahlten ihn mit dem, was sie selber anbauten und herstellten. Gemüse und Früchte, Milch und Käse, Wolle, Hanf und Holz. Mein Mann wäre sicher gerne etwas wohlhabender oder angesehener gewesen. Doch im Grunde war er bescheiden und genügsam. Wir waren glücklich.

Alice: Aber er hat dich nicht geliebt!

Die schöne Müllerin: Wie bitte?

Alice: Du wurdest weggeben wie eine Ware. Dein Vater und dein Mann haben über dich verfügt.

Die schöne Müllerin: Wie bitte? Wie soll ich das verstehen? Oder vielmehr: Haben Sie mir nicht zugehört? Beide haben sich um mich gekümmert! Das habe ich doch eben ausführlich erzählt!

Alice: Aber sie haben dich nicht gefragt, ob du einverstanden seiest!

Die schöne Müllerin schweigt. Zögernd: Es ging ums Überleben. Ich war einverstanden, weiterzuleben. Ich habe gerne gelebt. Gekocht, gebraut und gebacken, gesponnen und gewebt. Ich habe Haus und Mühle geputzt, das Ungeziefer vertrieben. Gemüse gepflanzt. Es war einfach – unglaublich! Der Himmel auf Erden.

Alice: Ich hasse es, wie die Vergangenheit immer verklärt wird. Früher war alles besser, sinnvoller, da haben die Leute die echten Werte noch gekannt und geschätzt. Aber euch Frauen hat man ausgenutzt! Das blendet ihr immer aus. Schaut doch einmal genau hin!

Erzähler (räuspert sich): Dürfte ich dann … ?

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