Die schöne Lene: Ich war glaub ein verträumtes Kind. Doch ich war nicht immer die eitle Gans, wie ihr mich nun beschreibt. Als ich vierzehn war …
Ödipus leise zu sich selbst: Dachte ich’s mir doch!
Die schöne Lene: Ja, als ich vierzehn war, da verliebte ich mich in einen jungen Hirten, der die Schafe in der Nähe weidete. Als der Vater ihn und seine Herde verjagte, da traf ich mich heimlich mit ihm. Es war harmlos, wie ich heute weiss. Händchen halten, Küsschen auf die Wange hauchen. Liebesverse und Liebesgeständnisse. Als er mit der Herde weiterziehen musste, beschwor ich ihn, mich mitzunehmen. Er lehnte ab. Er fürchtete sich. Er fürchtete um mich. Er hatte recht, wie ich heute weiss. Ich war zu bekannt. In jeder kleinsten Hütte, in jedem Weiler, jedem Dorf, jeder Stadt hatte mich einer schon zuvor gesehen, wurde ich erkannt. Es gab keine Bleibe. Nur eine immerwährende Flucht. Da brachte mich mein Geliebter zurück. Der Vater sperrte mich ein.
Alice: Der Vater wollte dich für sich.
Ödipus: Ihr bringt es auf den Punkt, meine Dame.
Alice: Frauen als Besitztümer der Männer. Wie schön wäre es, wenn wir das endlich mal hinter uns lassen würden. Und übrigens: Ich bin nicht IHRE Dame!
Ödipus: Das liegt in den Dingen selbst …
Alice: In den Männern meinst du!
Ödipus: Von mir aus. Doch auch in eurer heiligen Schrift heisst es, dass alles seine Stunde hätte. Das Behalten habe seine Zeit und das Loslassen.
Alice: Jetzt komm mir bitte nicht mit dieser patriarchalen Machoweisheit!
Ödipus: Es ist lange her, seit ich mich geblendet habe. Glaubt mir, dadurch habe ich sehr viel Klarheit gewonnen. Ich habe gelitten und getrauert. Ihr müsst wissen, in meiner Blindheit hatte ich einst Krieg gegen meinen Vater geführt. Ich hatte ihn umgebracht und meine Mutter geheiratet. Ich war sehend blind. Inzwischen habe ich viel gesehen. Bin in der Welt herumgekommen. Auch Ihr, edle Dame, könnt die Weisheiten auf euch wirken lassen. Prüft sie zumindest. Auf den Punkt gebracht sagt die Weisheit: Es ist alles vollkommen.
Alice: Dass du deinen Vater umgebracht hast?
Ödipus: Ja letztendlich auch das. Doch die Schuld lastet schwer. Unerträglich. Ich wollte der Schuld entfliehen, sie nicht mehr sehen, wie ihr seht. Dadurch wurde ich jedoch nicht von ihrer Last erlöst…
Alice: Wie denn?
Ödipus: Wisse nur dies: Alles war vorgesehen, vorbestimmt. Und wiederum sind es die Götter, an die wir uns wenden müssen. Nebenbei bemerkt: Auch Herr Sigmund hat seine Mutter geheiratet.
Alice: Hä? Wie das?
Ödipus: Im übertragenen Sinne versteht sich. Mit seiner Frau hat er sechs Kinder. Er sieht in ihr mehr die Mutter als die Partnerin. Er lässt sich von ihr verhätscheln, wie er es einst von seiner Mutter gewohnt war. Behandelt sie aber umkehrt genauso respektlos wie er es sein Vater tun sah. Nimmt sie nicht ernst, als Mensch, meine ich, als intellektuelle Partnerin. Es ist die Verachtung sich selbst gegenüber die ihn treibt. Tragisch das Ganze. Er wird es übrigens zeitlebens nicht bemerken. Er ist blinder denn ich.
Alice (schweigt zuerst, dann zögernd): Ich weiss nicht mehr, was ich dazu sagen soll.
Ödipus: Dann schweigt.
Alice (nach einer Weile): Was tust du eigentlich hier?
Ödipus: Ich bin dem Ruf gefolgt.
Alice: Auch du?