Erzähler, mit einem tiefen, erleichtertem Seufzer: Als der Müller einmal mit dem König zu tun hatte, sagte er diesem, seine Tochter sei nicht nur schön, sondern obendrein so geschickt, sie könne gar Stroh zu Gold spinnen. Das gefiel dem König überaus gut. Er sagte: Wenn deine Tochter wirklich so geschickt ist, dann komm morgen zu mir aufs Schloss und bring sie mit! Der Müller tat wie ihm geheissen und brachte seine schöne Tochter aufs Schloss.
Alice empört: Welch gewaltiger Übergriff! Nimmt denn die Blindheit gar kein Ende?
Sigmund: Wie meinst du?
Alice: Ja siehst du denn das nicht?
Ödipus: Alice, Ihr verlangt Unmögliches. Das Sehen ist den Blinden vorbehalten!
Sigmund: Ich habe da eine Idee. Geht es bei der ganzen Spinnerei nicht um Wandlung? Stroh zu Gold. (murmelt vor sich hin): Stroh zu Gold. Was will das meinen?
Alice: Was suchst du?
Sigmund: Die innere Bedeutung, denke ich. Stroh ist Abfall, Überflüssiges.
Ödipus: Ihr irrt: Stroh dient dazu, den Schlaf von Mensch und Tieren weicher zu gestalten.
Sigmund: Den Schlaf?
Ödipus: Als Einstreu im Stall von Ziegen und als Füllung von Strohsäcken. Ihr nennt das heute wohl Matratzen.
Sigmund, begeistert: Ihr bringt mich da auf eine vortreffliche Idee! Die innere Bedeutung einer Sache ist verhüllt, so wie ein Traumbild sich tief im Schlaf verbirgt. Doch schauen wir nochmals das Gold an: Gold ist Begehrtes, verspricht Reichtum, Wohlstand, Sorglosigkeit.
Alice: Und bringt Krieg und Verderben. Es ist ein Attribut der Macht.
Ödipus: Und der Reinheit.
Sigmund: Heureka! Der Vater spricht von der Reinheit seiner Tochter.
Alice: Er verhökert die Tochter, gibt sie preis, das soll rein sein?
Sigmund: Der Müller bangt um die Reinheit der Tochter. Doch vordergründig ärgert er sich darüber, dass die Tochter mit dem Hirten durchgebrannt ist. Ganz gewiss geht es dem Müller um die Reinheit der Tochter, ihre Jungfräulichkeit. Könnt ihr mir folgen?
Alice: Na klar. Die Frau ist zur Jungfräulichkeit verdammt, sonst hat sie keinen Marktwert! Ich sage euch: Das muss sich dringend ändern! Die Frau soll über ihren eigenen Körper, über ihre Lust selber bestimmen können.
Erzähler: Ich bitte euch!