Rumpelstilzchen

6. Dezember

Erzähler, frustriert: Die Geschichte muss nun endlich weitergehen. Sie führt entschieden in die Irre. Ich selbst weiss bald gar nicht mehr, worum es geht.

Aphrodite: Darf ich dir helfen, süsser, verwirrter Junge? Um es kurz zu fassen: Es geht um die Schönheit und die Liebe.

Sigmund: Madame! Ihr seid so wunderschön.

Aphrodite fröhlich: Na klar, ich bin auch die schönste Göttin der Welt. Weisst du das nicht? Es gab da eine Wette mit meinen Nebenbuhlerinnen, Hera und Athene. Wundervolle Frauen, alle beide. Allein, Paris gab mir den – Zankapfel. Und ich ihm die schöne Helena. DAS ist des Pudels Kern.

Alice zu Sigmund: Mach den Mund zu, du geiferst.

Sigmund: Sie ist so wunderschön.

Alice: Habt ihr alle den Verstand verloren? Wo ist der Blinde? Ödipus, wo steckst du?

Ödipus: Hier, meine Liebe. Ja, es ist hart, solch Schönheit zu widerstehen!

Alice: Woher weisst du?

Ödipus: Ach Kind! Ich habe ein feines Gehör!

Alice: Was sollen wir nur tun? Die Geschichte stockt ganz und gar. Sieh dir nur die Männer an: Erzähler, Bauer, Wandersmann, selbst Sigmund. Alle sind ihr verfallen.

Ödipus: Ja, alle. Nur wir Blinden sind gefeit. Aber du irrst: Wir sind mitten in der Geschichte. So und nur so darfst du dir die schöne Lene vorstellen.

Alice, erschrocken: Die Ärmste!

Die schöne Lene: Ja, alle meinten stets meine äussere Hülle. Machten ein riesiges Drama um meine Schönheit. Nur die Mutter kannte mein Herz. Nur meine Mutter glaubte an meine inneren Werte. Nur sie wusste, dass die unsichtbare Saat, die sie in mich gelegt hatte, einmal aufgehen würde. Ich selbst, ach, ich selbst! Ich betrachtete mich mit den Augen meiner Verehrer. Ich glaubte, nur wenn ich schön sei, hätte ich einen Wert! Ich ging mir darob selber verloren.

Alice: Du Ärmste! Es muss einmal die Zeit kommen, wo die Frauen an ihre inneren Werte glauben!

Aphrodite: Das taten sie schon immer. Manchmal mehr, manchmal weniger.

Alice: Das sagst ausgerechnet DU?

Aphrodite: Lass dich nicht durch den Augenschein blenden, kleine Alice. Glaub nicht alles. Auch meine Geschichte ist nur eine Legende. In Wirklichkeit gab es keinen Zwist und keinen Streit zwischen mir, Hera und Athene. Es sind die Menschen, vorab die Männer, die solche Vorstellungen in uns hineinlegten.

Alice: Das sagst DU, Aphrodite?

Aphrodite: Ja, mein Kind. Und DU trag mein Wort weiter. Sieh, ich hauche dir einen Musenkuss auf deine rauen Wangen. Einen göttlichen Kuss. Er soll dich segnen. Deine Worte sollen Kraft besitzen. Dein Herz stets Weisheit suchen. Aber übertreib nicht zu sehr, gell! Stoss das Pendel des Zeitgeistes nur leicht an! Du wirst es schaffen, Kleine.
zu den Männern gewandt: Und tschüss ihr Holden!

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